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Weltfrauentag: Warum viele Frauen Probleme haben, Grenzen zu setzen

8. März
4 Min. Lesezeit

Eine Freundin bittet dich, auf ihren Hund aufzupassen.

Der Kollege fragt, ob du noch „kurz etwas übernehmen“ kannst.

Deine Mutter erwartet, dass du am Sonntag vorbeikommst.


Du weißt sofort: Eigentlich ist das zu viel.

Und trotzdem sagst du: „Ja, klar.“


Viele Frauen kennen diesen Moment. Nicht, weil sie nicht wissen, dass sie hier Grenzen setzen und auf ihre Bedürfnisse (wie Ruhe) achten sollten. Sondern, weil sich in diesem Augenblick ein altes Beziehungsmuster meldet. Eines, das lange vor dem heutigen Tag entstanden ist.

Der Weltfrauentag ist deshalb für mich ein guter Anlass, über eine unbequeme Wahrheit zu sprechen: Das Problem vieler Frauen mit Grenzen hat weniger mit fehlender Stärke zu tun als mit ihrer Beziehungsgeschichte.


Das Missverständnis: Grenzen setzen ist keine Frage von Mut

In Coaching-Ratgebern klingt es oft simpel:

Du musst nur lernen, Nein zu sagen.

Du musst mutiger sein.

Du musst für dich einstehen.


Doch die psychologische Forschung zeigt ein anderes Bild. Die Fähigkeit, Grenzen zu setzen, entsteht in Beziehungen und sie wird dort auch verletzt.

Der britische Psychologe John Bowlby, Begründer der sog. "Bindungstheorie", beschrieb bereits in den 1960er-Jahren, wie frühe Beziehungserfahrungen das spätere Verhalten prägen. Kinder entwickeln sogenannte Bindungsmuster, die beeinflussen, wie sie Nähe, Konflikte und Ablehnung wahrnehmen (Bowlby, J. (1969). Attachment and Loss: Vol. 1. Attachment. Basic Books.).


Mit anderen Worten: Die Angst, Grenzen zu setzen, entsteht nicht erst im Erwachsenenleben.

Sie hat eine Geschichte.


Die unterschätzte Rolle der Angst vor Ablehnung

Viele Frauen glauben, sie hätten ein „Selbstbewusstseinsproblem“. Doch tatsächlich geht es oft um etwas anderes: Angst vor Ablehnung.

Diese Angst wirkt subtil. Sie äußert sich selten als panischer Gedanke.

Stattdessen zeigt sie sich in kleinen Entscheidungen:

  • „Ich will keinen Konflikt.“

  • „Das ist jetzt nicht so schlimm.“

  • „Ich kann das schon noch übernehmen.“


Das Problem: Genau dieses Verhalten verhindert, dass Grenzen entstehen.

Die Person versucht, Beziehungen zu schützen, indem sie sich selbst zurücknimmt.


Warum besonders viele Frauen dieses Muster entwickeln

Natürlich können auch Männer Schwierigkeiten mit Grenzen haben. Doch gesellschaftliche Rollenbilder verstärken das Problem für Frauen.

Schon früh lernen Mädchen oft:

  • freundlich zu sein

  • Konflikte zu vermeiden

  • sich zu kümmern

  • harmonisch zu bleiben


Eine Studie der Psychologinnen Carol Gilligan und Lyn Mikel Brown zeigte, dass Mädchen im Jugendalter häufig beginnen, ihre eigene Stimme zurückzunehmen, um Beziehungen nicht zu gefährden (Gilligan, C., & Brown, L. M. (1992). Meeting at the Crossroads: Women's Psychology and Girls' Development. Harvard University Press.).

Wie schade ist das bitte?!


Dieses Muster bleibt oft unbemerkt, bis ins Erwachsenenleben, bestehen.

Dann zeigt es sich plötzlich im Berufsalltag, in Partnerschaften oder in der Familie.


Grenzen setzen lernen heißt, alte Beziehungsmuster zu erkennen

Wenn Frauen anfangen, sich mit ihren Grenzen zu beschäftigen, passiert oft etwas Überraschendes. Sie merken, dass es gar nicht nur um den aktuellen Konflikt geht. Es geht um eine innere Dynamik.

Typische Gedanken sind zum Beispiel:

  • „Wenn ich Nein sage, mögen sie mich nicht mehr.“

  • „Dann wirke ich egoistisch.“

  • „Dann enttäusche ich jemanden.“


Diese Gedanken entstehen nicht zufällig. Sie sind Teil eines inneren Beziehungssystems.

Die Psychologin Harriet Lerner, bekannt für ihre Arbeiten zu Beziehungen und Selbstbehauptung in Systemen, beschreibt dieses Phänomen zusammengefasst so: „Wenn eine Person beginnt, ihr Verhalten zu verändern, reagiert das gesamte Beziehungssystem darauf.“ (Lerner, H. (1985). The Dance of Anger. Harper & Row.)


Das bedeutet: Grenzen zu setzen verändert nicht nur eine Situation, sondern auch Beziehungen.

Und genau das macht vielen Menschen (eben Frauen) Angst.


Mentale Selbstverteidigung: Ein neuer Blick auf Grenzen

Viele Frauen versuchen, ihre Grenzen mit Willenskraft durchzusetzen. Doch ein nachhaltigerer Ansatz ist die sog. „mentale Selbstverteidigung“.

Sie bedeutet nicht, aggressiv zu werden.

Sie bedeutet, die eigene innere Position zu stabilisieren.


Psychologische Studien zeigen, dass Menschen mit klarer Selbstabgrenzung weniger Stress und mehr psychisches Wohlbefinden erleben (Katherine H. et al., Journal of Personality, 2011). Die Grundlage dafür Selbstwahrnehmung. Erst wenn jemand versteht, warum eine Grenze schwerfällt, wird Veränderung möglich.


Die drei typischen Beziehungsmuster hinter schwachen Grenzen

In meiner Arbeit mit Frauen zeigen sich immer wieder ähnliche Muster.


1. Das Anpassungsmuster

Die Frau übernimmt Verantwortung für die Gefühle anderer.

Sätze wie diese sind typisch:

  • „Ich will niemanden enttäuschen.“

  • „Ich will keinen Streit.“

Grenzen wirken in diesem Muster wie ein Angriff auf die Beziehung.


2. Das Leistungs-Muster

Hier entsteht der Wert der Person über Leistung. Die Folge: Sie sagt selten Nein, weil sie ihren Wert durch Engagement beweisen will.

Psychologen sprechen hier von „contingent self-worth“ – einem Selbstwert, der von Leistung oder Zustimmung abhängt (Crocker, J., & Wolfe, C. (2001). Contingencies of self-worth. Psychological Review.).


3. Das Harmonie-Muster

Konflikte werden als Bedrohung erlebt. Die Person versucht deshalb, Spannungen zu vermeiden, selbst wenn sie dafür eigene Bedürfnisse ignorieren muss.


Alle drei Muster haben denselben Kern: Die Beziehung steht über der eigenen Grenze.


Der Moment der Veränderung

Viele Frauen erleben irgendwann einen Wendepunkt.

Oft ist es kein dramatisches Ereignis. Eher ein stiller Moment.

Vielleicht nach einem Gespräch, in dem sie sich wieder übergangen fühlten.

Vielleicht nach einem Arbeitstag, an dem sie zum dritten Überstunden gemacht haben.

Und plötzlich wird klar: So geht es nicht weiter.


Dieser Moment ist wichtig. Denn hier beginnt der Mut zum Neuanfang. Er beginnt als kleine Entscheidung.

Zum Beispiel:

  • ein Gespräch zu führen

  • eine Aufgabe abzulehnen

  • eine Bitte aufzuschieben


Der erste Schritt, wenn man lernt Grenzen zu setzen, ist selten laut. Er ist oft überraschend leise.


Der stille Mut, der selten gefeiert wird

Am Weltfrauentag wird oft über große Errungenschaften gesprochen. Über politische Rechte. Über gesellschaftliche Veränderungen. Doch es gibt auch eine andere Form von Mut.

Der Mut,

  • ein Nein (trotz Knoten im Magen) auszusprechen

  • Erwartungen an sich selbst bewusst zu hinterfragen

  • eigene Bedürfnisse ernst zu nehmen und zu priorisieren


Dieser Mut ist selten laut.

Er zeigt sich, wie gesagt, im Alltag. In Gesprächen. Oder in Entscheidungen. Und manchmal beginnt er mit einer einfachen Erkenntnis: Das Problem war nie fehlender Mut. Es war ein Beziehungsmuster. Und Muster können sich verändern.


Wenn du schon länger merkst, dass alte Muster deine Bereitschaft Nein zu sagen beeinträchtigen, dann melde dich gern für ein Erstgespräch bei mir und wir schauen, woran es liegt.



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