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Was Nervensystemregulierung mit Grenzen setzen zu tun hat

24. Aug.
6 Min. Lesezeit

Montagmorgen, und der Kalender ist bereits voll. Arbeit, Arzttermin, Sportkurse, eine Verabredung, der Geburtstag der Schwiegermutter am Wochenende – dazwischen noch schnell etwas für eine Kollegin erledigen. Eigentlich ist längst klar: Das ist zu viel. Trotzdem sagst du den nächsten Termin zu.


Am Ende der Woche ist die Erschöpfung entsprechend groß. Schlaf und Konzentration leiden, die Geduld wird dünner und für die Menschen, die eigentlich wichtig sind, bleibt kaum noch Energie. Trotzdem wird der eigene Kalender weiter gefüllt. Denn manchmal ist es leichter, die eigenen Bedürfnisse, z.B. nach Ruhe, zu übergehen, als Enttäuschung oder den möglichen Konflikt mit anderen auszuhalten. Manchmal aber auch, um dem inneren Stimmenchaos aus dem Weg zu gehen.


Genau hier treffen Grenzen setzen und Nervensystemregulierung aufeinander. Denn wenn der Körper eine mögliche Ablehnung, einen Konflikt oder die innere Stimmungslage als Bedrohung bewertet, kann ein klares Nein erstaunlich schwerfallen – selbst dann, wenn längst klar ist, dass es notwendig wäre. Wer verstehen möchte, warum wir uns immer wieder selbst übergehen, muss deshalb nicht nur auf die eigenen Entscheidungen schauen, sondern auch darauf, was dabei im Nervensystem passiert.


Übersicht des Artikels:


Nervensystem regulieren: Warum Grenzen setzen nicht nur Kopfsache ist

Ein klares Nein beginnt eigentlich mit einer einfachen Information: „Das möchte ich nicht.“ Trotzdem gelingt es nicht immer, danach zu handeln. Gerade wenn eine Situation sozial bedeutsam ist – etwa bei einer wichtigen Beziehung, im Beruf oder gegenüber einem Menschen, dessen Anerkennung uns wichtig ist –, kann der Körper reagieren, bevor die bewusste Entscheidung umgesetzt wird.


Stress ist nämlich nicht nur ein Gefühl. Er verändert unter anderem Aufmerksamkeit, körperliche Aktivierung und die Verarbeitung von Informationen. Dabei spielen sowohl das autonome Nervensystem als auch die hormonelle Stressreaktion eine Rolle. Welche Reaktion entsteht, hängt außerdem davon ab, wie eine Situation bewertet wird und welche Erfahrungen wir mit ähnlichen Situationen gemacht haben.


Unter starkem Stress kann auch die Funktion des präfrontalen Kortex beeinträchtigt werden. Dieser ist unter anderem an Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit und der flexiblen Steuerung von Verhalten beteiligt. Amy Arnsten zeigt in ihrer Übersichtsarbeit, dass selbst akuter, unkontrollierbarer Stress präfrontale Funktionen beeinträchtigen kann.


 

Das bedeutet nicht, dass unser logischer Teil des Gehirns offline ist. Es bedeutet vielmehr: Je stärker die Stressaktivierung, desto schwieriger kann es werden, einen bewussten Entschluss gegen einen eingeübten Reaktionsautomatismus durchzuhalten.


Genau deshalb ist Grenzen setzen nicht nur eine Frage der richtigen Worte oder ausreichender Willenskraft. Ein Nein darf sich körperlich unangenehm anfühlen. Herzklopfen oder Anspannung bedeuten nicht automatisch, dass die Grenze falsch ist.


Nervensystem regulieren heißt in diesem Zusammenhang deshalb nicht, jede unangenehme Reaktion sofort beseitigen zu müssen. Es bedeutet, die eigene Aktivierung wahrzunehmen, ohne sie automatisch mit einer Handlungsanweisung zu verwechseln.


Sich selbst übergehen: Warum ein „Ja“ manchmal leichter ist als ein Nein

Ein „Ja“ kann sich kurzfristig erstaunlich gut anfühlen – selbst dann, wenn wir eigentlich Nein sagen wollten. Mit der Zusage ist der unmittelbare Druck verschwunden. Niemand ist enttäuscht, der mögliche Konflikt bleibt aus und die unangenehme Spannung sinkt. Genau deshalb kann sich Selbstübergehung zunächst wie eine Lösung anfühlen.


Psychologisch lässt sich dieses Muster als eine Form von Vermeidung verstehen: Wir tun etwas, um eine unangenehme Situation oder ein unangenehmes Gefühl gar nicht erst entstehen zu lassen. Forschung zu Vermeidungsverhalten zeigt, dass solche Strategien kurzfristig durchaus entlasten können, langfristig aber problematische Muster stabilisieren können.


Wenn wir mal eine Grenze setzen möchten, kann daraus ein automatischer Kreislauf entstehen: Jemand fragt etwas an, der Körper reagiert mit Anspannung, die Möglichkeit eines Neins fühlt sich unangenehm an und die Zusage beendet diese Spannung. Das Gehirn bekommt damit eine sehr einfache Lernerfahrung: Nachgeben bringt Erleichterung.


Das bedeutet nicht, dass jedes Ja heißt, sich selbst zu übergehen. Ein Ja kann selbstverständlich eine freie und stimmige Entscheidung sein. Problematisch wird es dort, wo wir regelmäßig gegen unsere eigenen Bedürfnisse handeln, um unangenehme Gefühle oder die Reaktion anderer zu vermeiden.

Damit berührt Grenzen setzen auch ein grundlegendes psychologisches Bedürfnis: Autonomie. Die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan (The "What" and "Why" of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior: Psychological Inquiry: Vol 11, No 4) beschreibt Autonomie neben Kompetenz und sozialer Verbundenheit als eines der grundlegenden psychologischen Bedürfnisse. Werden eigene Entscheidungen dauerhaft von äußerem Druck oder der Angst vor den Reaktionen anderer bestimmt, geht ein Stück dieser Selbstbestimmung verloren.


Genau hier beginnt der Unterschied zwischen Rücksichtnahme und Selbstübergehung: Rücksicht nimmt den anderen mit in die Entscheidung. Selbstübergehung streicht die eigene Seite der Entscheidung immer wieder aus der Gleichung.

 

45 Impulse für klarere Grenzen

Grenzen setzen beginnt nicht erst mit dem großen Nein. Oft beginnt es viel früher: mit dem Wahrnehmen der kleinen Momente, in denen die eigenen Bedürfnisse wieder nach hinten rutschen.

In meinem kostenlosen Freebie „45 Impulse zum Grenzen setzen“ finden sich kurze Impulse für genau diese Alltagssituationen – als Anstoß, die eigenen Grenzen früher wahrzunehmen und bewusster mit ihnen umzugehen.



 

Wenn ein voller Kalender zur Vermeidungsstrategie wird

Ein voller Kalender ist nicht automatisch ein Problem. Manche Phasen im Leben sind tatsächlich voll, und nicht jede Aktivität ist eine Flucht vor etwas. Interessant wird es dort, wo Beschäftigung immer dann zunimmt, wenn unangenehme Gefühle, Entscheidungen oder Veränderungen näherkommen.


Dann kann Aktivität eine Form der Vermeidung werden. Solange der nächste Termin wartet, die Arbeit ruft und noch schnell etwas organisiert werden muss, bleibt wenig Raum für die Frage, die eigentlich Aufmerksamkeit verlangt: Was läuft in meinem Leben gerade nicht so, wie ich es möchte? Beschäftigung hält den Blick im Außen und vermittelt gleichzeitig ein Gefühl von Kontrolle.


Psychologisch wird dieses Muster als „experientielle Vermeidung“ beschrieben: belastende innere Zustände wie Angst, Unsicherheit, Traurigkeit oder Anspannung sollen möglichst nicht erlebt werden. Vermeidungsverhalten kann kurzfristig Erleichterung bringen und wird dadurch wahrscheinlicher.


Ein voller Kalender kann dann paradoxerweise dabei helfen, sich selbst nicht zu begegnen. Nicht jede Frau, die ständig beschäftigt ist, vermeidet damit etwas. Aber wenn Ruhe regelmäßig Unbehagen auslöst und neue Termine dieses Gefühl zuverlässig vertreiben, lohnt sich ein genauerer Blick.

 

Nervensystemregulierung: Unangenehme Gefühle aushalten, statt ihnen auszuweichen

Das Nervensystem zu regulieren bedeutet nicht, möglichst schnell wieder ruhig zu werden. Genau hier wird der Begriff inzwischen häufig missverstanden. Regulation ist nicht dasselbe wie das sofortige Beseitigen von Angst, Anspannung oder unangenehmen Gefühlen.


Für das Grenzen setzen ist vielmehr entscheidend, ob wir einen innerlich unangenehmen Zustand aushalten können, ohne automatisch etwas zu tun, das ihn beendet. Das kann bedeuten, eine Absage auszusprechen, obwohl der Körper angespannt ist. Eine Enttäuschung stehen zu lassen, ohne sie sofort reparieren zu müssen. Oder einen freien Abend auszuhalten, ohne ihn innerhalb von zehn Minuten wieder mit Aufgaben zu füllen.


Das ist anspruchsvoll, weil Vermeidung kurzfristig tatsächlich funktionieren kann: Die Anspannung sinkt, der Konflikt bleibt aus, und wir fühlen uns für einen Moment wieder sicherer. Genau diese kurzfristige Entlastung kann das Vermeidungsverhalten jedoch stabilisieren.


Nervensystemregulierung bedeutet deshalb nicht, niemals aktiviert zu sein. Sie bedeutet, trotz Aktivierung handlungsfähig zu bleiben.


Das ist ein entscheidender Unterschied, denn wer darauf wartet, sich vor jedem Nein vollkommen ruhig zu fühlen, macht die Regulation zur nächsten Voraussetzung, um endlich handeln zu dürfen. Dann wird aus „Ich kann noch kein Nein sagen, weil ich zu angespannt bin“ lediglich eine neue Form des Aufschiebens. Manchmal ist die eigentliche Regulation deshalb nicht die Beruhigung.

Sondern das Aushalten.

 

Grenzen setzen ist eine Lernerfahrung für dein Nervensystem

Ein klares Nein wird nicht dadurch leichter, dass wir uns lange genug einreden, selbstbewusst zu sein. Es wird leichter, wenn wir neue Erfahrungen machen. Genau hier kommt die Selbstwirksamkeit ins Spiel. Das ist die Überzeugung, schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen zu können. Besonders wichtig sind dabei tatsächliche Bewältigungserfahrungen: Wir lernen aus dem, was wir selbst erlebt und geschafft haben.


Übertragen auf das Grenzen setzen bedeutet das: Beim ersten Nein darf das Herz klopfen, die Stimme darf unsicher sein und der andere darf enttäuscht reagieren. Entscheidend ist nicht, dass all das ausbleibt. Entscheidend ist, dass die Erfahrung danach lautet: Ich habe die Grenze ausgesprochen und konnte mit dem Ergebnis umgehen.


Genau dadurch verändert sich mit der Zeit die innere Bewertung. Aus „Wenn ich Nein sage, passiert etwas Schlimmes“ kann langsam „Ich kann Nein sagen, auch wenn jemand damit nicht einverstanden ist“ werden. Das ist keine reine Denkübung.

Es ist Lernen durch Erfahrung.


Deshalb muss auch das Nervensystem nicht vor jeder Grenze vollständig beruhigt sein. Wer darauf wartet, bis sich ein Nein völlig sicher und angenehm anfühlt, kann sonst lange warten. Ein Teil der Regulation entsteht durch das Handeln selbst: Wir erleben Aktivierung, bleiben trotzdem bei unserer Entscheidung und stellen anschließend fest, dass wir die Situation bewältigen können.

 

Ein klares Nein verändert mehr als den Kalender

Jede Grenze ist deshalb auch eine kleine Lernerfahrung: Ich darf mich selbst ernst nehmen, auch wenn das nicht jedem gefällt. Und der Kalender bleibt mal leer. Mit der Zeit wird daraus nicht nur mehr Sicherheit beim Nein sagen. Es entsteht mehr Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit.

In meinem 1:1-Mentoring schauen wir, wo du noch mehr Sicherheit brauchst, um Vertrauen in dein Nein zu bekommen.



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