top of page

Komfortzone verlassen? Warum wir in Wahrheit alte Sicherheiten aufgeben

22. Juni
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Aug.


„Verlasse deine Komfortzone.“ Dieser Satz gehört zu den bekanntesten Ratschlägen der Persönlichkeitsentwicklung. Er begegnet uns in Büchern, Podcasts, Seminaren und auf Social Media. Die Botschaft dahinter scheint einfach zu sein: Wer wachsen möchte, muss mutig sein. Wer etwas verändern möchte, muss seine Komfortzone verlassen.


Ich denke, hier beginnt das Problem. Der Begriff „Komfortzone“ suggeriert, dass Menschen vor allem deshalb an Veränderung scheitern, weil sie es sich zu bequem gemacht haben. Er vermittelt das Bild von jemandem, der lieber auf dem Sofa sitzen bleibt, statt neue Wege zu gehen.


Psychologisch betrachtet ist diese Erklärung jedoch oft zu kurz gegriffen. Die meisten Frauen, die mit einer wichtigen Entscheidung ringen, kämpfen nicht mit Bequemlichkeit. Sie kämpfen mit Unsicherheit. Mit Verlustangst. Mit einem tiefen Sicherheitsbedürfnis. Und mit der Frage, ob sie die Folgen einer Veränderung wirklich tragen können.


Wer eine Grenze setzt, riskiert möglicherweise Konflikte. Wer sich beruflich neu orientiert, riskiert finanzielle Unsicherheit. Wer eine ungesunde Beziehung hinterfragt, riskiert Ablehnung oder Trennung. Wer seine Meinung offen ausspricht, riskiert (heftige) Kritik.


Die eigentliche Herausforderung besteht daher häufig nicht darin, die Komfortzone zu verlassen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, alte Sicherheiten aufzugeben.


Warum die Angst vor Veränderung völlig normal ist

Viele Frauen verurteilen sich selbst für ihre Unsicherheit. Sie glauben, ihnen fehle Mut zur Veränderung. Sie denken: Andere schaffen das doch auch! Warum traue ich mich nicht? Oder: Warum zögere ich so lange? Warum kann ich mich nicht einfach entscheiden?


Aus psychologischer Sicht ist diese Selbstkritik meist unbegründet. Das menschliche Gehirn wurde nicht dafür entwickelt, Wachstum zu maximieren. Es wurde dafür entwickelt, Überleben zu sichern.

Unser Nervensystem bevorzugt Vorhersagbarkeit. Vertraute Situationen können anstrengend, frustrierend oder sogar schädlich sein, dennoch fühlen sie sich oft sicherer an als unbekannte Alternativen.


Aus diesem Grund bleiben Menschen manchmal jahrelang in belastenden Arbeitsverhältnissen, in konflikthaften Beziehungen oder in überfordernden Rollen und in Gewohnheiten, die ihnen längst nicht mehr guttun.


Nicht weil diese Situationen angenehm wären. Sondern weil sie bekannt sind.

Bekanntheit wird vom Gehirn häufig als sicherer bewertet als Unsicherheit.


Komfortzone verlassen: Das Missverständnis hinter dem Begriff

Der Begriff „Komfortzone“ stammt ursprünglich aus psychologischen und lernbezogenen Modellen. In populären Darstellungen wurde daraus jedoch oft die Vorstellung, dass Entwicklung nur durch möglichst große Risiken entsteht. Das führt zu einem gefährlichen Missverständnis.


Menschen wachsen nicht automatisch, weil sie sich maximal verunsichern. Menschen wachsen dann, wenn sie genügend Sicherheit haben, um Neues auszuprobieren.


Die Forschung zu Bindung, Resilienz und Selbstwirksamkeit, v.a. von Bowlby, zeigt immer wieder, dass Entwicklung nicht durch Angst entsteht, sondern durch die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und dennoch handlungsfähig zu bleiben.


Mit anderen Worten: Sicherheit erzeugt Mut. Nicht anders herum.


Das Sicherheitsbedürfnis: die unterschätzte Kraft hinter Entscheidungen

Sicherheit gehört zu den grundlegenden psychologischen Bedürfnissen des Menschen. Dabei geht es nicht nur um körperliche Sicherheit. Auch diese Faktoren spielen eine wichtige Rolle:


Finanzielle Sicherheit

Die Gewissheit, Rechnungen bezahlen zu können.


Soziale Sicherheit

Das Gefühl, dazuzugehören und akzeptiert zu sein.


Emotionale Sicherheit

Die Erfahrung, Beziehungen nicht sofort zu verlieren, wenn Konflikte entstehen.


Identität

Die Gewissheit zu wissen, wer man ist und welchen Platz man im Leben einnimmt.


Kontrolle

Das Gefühl, Ereignisse zumindest teilweise beeinflussen zu können.


Veränderung bedroht häufig mehrere dieser Bereiche gleichzeitig. Deshalb fühlen sich viele Entscheidungen größer an, als sie objektiv betrachtet sind.


Warum Verlust stärker wirkt als Gewinn

Ein weiterer wichtiger psychologischer Mechanismus ist die sogenannte Verlustaversion. Die Verhaltensforscher Daniel Kahneman und Amos Tversky (Kahneman, D. & Tversky, A. (1979). Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk.) konnten zeigen, dass Menschen mögliche Verluste deutlich stärker gewichten als vergleichbare Gewinne.


Vereinfacht gesagt: Der mögliche Verlust von 1.000 Euro schmerzt emotional stärker als die Freude über einen Gewinn von 1.000 Euro.


Dieser Effekt beeinflusst auch persönliche Entscheidungen. Deshalb denken viele Menschen bei Veränderungen zunächst an das, was verloren gehen könnte, wie Sicherheit, Beziehungen, Status, Einkommen oder Anerkennung. Erst danach beschäftigen sie sich mit möglichen Chancen.

Das ist kein Charakterfehler. Das ist menschlicher Überlebenssinn.


Mut zur Veränderung bedeutet nicht Angstfreiheit

Einer der größten Irrtümer rund um das Thema Mut besteht darin, Mut mit Angstfreiheit gleichzusetzen. Tatsächlich erleben mutige Menschen Angst oft genauso intensiv wie andere. Der Unterschied liegt woanders. Mutige Menschen lassen ihre Entscheidungen nicht ausschließlich von ihrer Angst bestimmen. Sie handeln trotz Unsicherheit.


Die Forscherin Brené Brown beschreibt in ihrem Buch Daring Greatly, dass Mut die Bereitschaft ist, sich Verletzlichkeit und emotionalem Risiko auszusetzen. Das beschreibt sie auch sehr genau in ihrem bekannten TED Talk „Power of Vulnerability“.  


Ihre Definition verändert den Blick auf Veränderung grundlegend. Mut bedeutet also nicht: „Ich habe keine Angst.“ Mut bedeutet: „Die Angst darf da sein. Trotzdem gehe ich weiter.“


Warum Selbstvertrauen nicht vor der Entscheidung entsteht

Viele Menschen warten auf den richtigen Moment, auf mehr Sicherheit, auf mehr Klarheit, auf mehr Selbstvertrauen. Doch genau hier entsteht häufig eine Sackgasse. Selbstvertrauen entsteht selten vor einer Entscheidung. Selbstvertrauen entsteht durch praktische Erfahrungen.


Albert Bandura beschrieb dieses Prinzip als Selbstwirksamkeit. Menschen entwickeln Vertrauen in sich selbst, wenn sie erleben:

  • dass sie Herausforderungen bewältigen können,

  • dass sie Rückschläge überstehen,

  • dass sie Probleme lösen können,

  • dass sie handlungsfähig bleiben.


Selbstvertrauen ist daher keine Voraussetzung für Veränderung. Es ist oft das Ergebnis von Veränderung und entsteht erst hinterher (nach dem neuen Schritt).


Warum Frauen ihrem Chef häufig nicht widersprechen

Ein typisches Beispiel zeigt, wie eng Sicherheit und Handlungsfähigkeit miteinander verbunden sind. Viele Frauen kennen Situationen, in denen sie ihrem Chef eigentlich widersprechen möchten. Sie sehen eine problematische Entscheidung. Sie erleben eine Grenzüberschreitung. Sie werden mit zusätzlichen Aufgaben belastet.


Und sie haben gute Argumente. Trotzdem schweigen sie. Warum? Die Erklärung lautet meist nicht, aus mangelndem Mut. Viel häufiger spielen Sicherheitsaspekte in einer untergeordneten Hierarchieposition eine Rolle.

Das Machtgefälle aktiviert das Alarmsystem. Autorität beeinflusst unser Verhalten stärker, als wir glauben. Bereits das Gefühl, jemandem unterlegen zu sein, kann Stressreaktionen auslösen:


a.      Die Angst vor Ablehnung

Menschen sind soziale Wesen. Ablehnung wird vom Gehirn teilweise ähnlich verarbeitet wie körperlicher Schmerz. Deshalb kann Kritik durch Vorgesetzte emotional stärker wirken, als wir rational erklären können.


b.      Verlust möglicher Vorteile

Viele Frauen fragen sich unbewusst:

  • Schadet das meiner Karriere?

  • Wirke ich schwierig?

  • Verliere ich Ansehen?

  • Werde ich künftig benachteiligt?

Das Gehirn bewertet solche Risiken automatisch für das zukünftige Überleben.


c.       Sozialisation und Harmonieorientierung

Viele Frauen haben früh gelernt Konflikte zu vermeiden, Rücksicht zu nehmen, Verständnis zu zeigen oder Harmonie aufrechtzuerhalten. Widerspruch fühlt sich dadurch oft größer und gefährlicher an, als er tatsächlich ist.


Mentale Selbstverteidigung beginnt bei innerer Sicherheit

Wenn Menschen von mentaler Stärke sprechen, denken sie häufig an Schlagfertigkeit oder Durchsetzungsfähigkeit. Doch die Grundlage liegt tiefer. Mentale Selbstverteidigung beginnt mit innerer Sicherheit.

Mit dem Wissen:

  • Ich kann Unsicherheit aushalten.

  • Ich kann Konflikte überstehen.

  • Ich kann Ablehnung verkraften.

  • Ich kann schwierige Entscheidungen treffen.

  • Ich kann Rückschläge bewältigen.


Je stärker diese innere Sicherheit wird, desto weniger bestimmen äußere Umstände das eigene Verhalten. Das bedeutet also nicht, dass die Angst vor unbekannten Folgen verschwindet. Es bedeutet, dass Angst nicht länger die Führung bei der Entscheidung übernimmt.


Veränderung wagen: Der erste Schritt ist wichtiger als perfekte Sicherheit

Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Psychologie lautet: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Wer darauf wartet, alle Risiken auszuschließen, wird oft sehr lange warten. Gleichzeitig bedeutet Veränderung nicht, kopflos zu handeln. Handlungsfähigkeit entsteht zwischen zwei Extremen: Nicht zwischen Angst und Mut. Sondern zwischen Sicherheit und Unsicherheit.


Die entscheidende Frage lautet daher: Welche Sicherheit brauche ich, um den ersten Schritt gehen zu können? Nicht: Wie werde ich endlich angstfrei? Dieser Perspektivwechsel verändert vieles.


Angst vor Veränderung verstehen und trotzdem weitermachen

Mut zur Veränderung hat weniger mit Tapferkeit und mehr mit Sicherheit zu tun. Die Angst vor Veränderung ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist Ausdruck eines Nervensystems, das versucht, Sicherheit zu bewahren. Deshalb fällt es vielen Frauen schwer, Veränderungen zu wagen, Grenzen zu setzen oder wichtige Entscheidungen zu treffen.

Weil eben jede Veränderung die Möglichkeit eines Verlustes enthält. Genau deshalb beginnt persönliches Wachstum nicht mit der Frage: „Wie verlasse ich meine Komfortzone?“

Sondern mit der Frage: „Welche Sicherheit versuche ich gerade zu schützen?“

Wer diese Frage ehrlich beantwortet, versteht die eigenen Widerstände oft zum ersten Mal wirklich. Und genau dort beginnt echte Veränderung.


Weiterführende Artikel von mir gibt es im Blog:


Newsletter für stille Rebellinnen

Jeden Monat gibt es von mir Impulse zu mentaler Selbstverteidigung, innerer Sicherheit, klaren Entscheidungen und souveränen Grenzen, ohne Coaching-Floskeln und Selbstoptimierungsdruck.

Hier zum Newsletter anmelden:


Kommentare


bottom of page